Woche 30: Abschied von den hohen Gipfeln

25.04.23-02.05.23

Seit vielen Tagen hatten wir endlich eine erholsame Nacht. Mit mehr Sauerstoff schläft es sich wieder besser. Es regnet nicht mehr, aber Dank der Wolken ist es morgens immer noch sehr kalt. Ich freue mich fast auf den ersten kleinen Anstieg, in der Hoffnung durch die Anstrengung meine Hände aufzuwärmen. Eigentlich war vorgesehen heute den ganzen Weg bis Namche Bazaar zurück zu laufen. Da wir aber alle unsere Pfuffertage (für Krankheit oder sehr schlechtes Wetter) noch übrig haben, ist genug Zeit den Abstieg etwas zu entzerren. Außerdem haben wir uns entschieden eine alternative Route zu gehen. Der Everest Basecamp Trek ist kein Rundweg, theoretisch ist der Rückweg also langweiliger, weil man alles schon gesehen hat (für die Abstiegsvariante über den Cho La Pass und durch das Gokyo Tal sind wir bei der aktuellen Wetterlage nicht gut genug ausgerüstet). Deswegen laufen wir das Tal auf der anderen Hangseite zurück, was zumindest den Blickwinkel ändert. Wir begegnen nur wenigen Leuten und erreichen nach knapp zwei Stunden Pangboche. Nach einer Kuchen-Stärkung wollen wir eigentlich das dortige Kloster anschauen, aber es scheint nur vormittags geöffnet zu sein. Das Teehaus haben wir fast für uns allein (nur ein anderer Gast). Die Eigentümer erzählen uns, dass schon Nebensaison ist und sie Mitte Mai schließen werden. Komisch, davon hat man weiter oben im Tal nichts gemerkt, es waren viele Wanderer unterwegs. Außerdem erfahren wir, dass es viel zu kalt für die Jahreszeit ist und die Felder nicht richtig bewirtschaftet werden können. Der Klimawandel ist überall spürbar. Lustig ist, dass die beiden ein bisschen Deutsch können, weil sie auf einer österreichischen Hütte gearbeitet haben (das tun anscheinend viele Sherpas im Sommer).

Das Wetter hat sich gebessert und die verschneiten Berggipfel bilden wieder den strahlenden Kontrast zur restlichen Landschaft. Der Weg auf dieser Talseite ist nicht so breit, wie der den wir gekommen sind. Der Hang, an den er sich schmiegt ist kahl und steil und sieht dramatisch aus. Wir sehen Gämsen und Geier. Ungefähr als das Kloster Tengboche gegenüber in Sicht kommt, biegt der Weg nach rechts in ein Seitental ab. Dort liegt das Dorf Phortse, in dem wir ein zweites Frühstück essen. Danach geht es erst steil bergab zum Fluss und einer Brücke. Hier unten ist es offenbar deutlich wärmer, denn es blühen viel mehr Pflanzen, der Weg ist von Bäumen umrahmt. Doch schon nach ein paar Metern geht es genauso steil wieder bergauf. Auf halben Weg nach oben habe ich meine Kraftreserven verbraucht. Es ist sehr mühsam weiter zu gehen, ich bin ziemlich langsam. Alex scheint es ähnlich zu gehen, Patrick rennt (wie meistens) voraus. Auf dem windigen Gebirgskamm machen wir eine weitere Teepause. Von hieraus geht es eigentlich moderat abwärts, aber es zieht sich. Nach jeder Kurve denke ich wir müssten am Ziel sein, aber nach jeder Kurve kommt einfach noch eine. Der Weg ist hier wieder grob gepflastert, was zusätzliche Konzentration und Trittsicherheit erfordert und meine Laune verschlechtert. Nach zehn Tagen wandern sind zum ersten Mal meine Füße wund gescheuert. Ich hätte nicht gedacht, dass diese Etappe die anstrengendste für mich sein würde. In Namche Bazaar mieten wir ein Deluxe-Zimmer (heißt wirklich so). Das heißt es kommt warmes Wasser aus dem Wasserhahn (endlich mal keine Schmerzen beim Händewaschen) und es gibt eine Heizdecke (ich finde sie wird nicht warm, Patrick ist anderer Meinung). Außerdem ist das Gebäude neu und halbwegs isoliert. Alex nutzt den Nachmittag, um sich einen Helicopterflug nach Kathmandu zu organisieren. Er hat mehr Zeitdruck als wir was den Rückflug (nach Deutschland) angeht und keine Lust auf die rumpelige Autofahrt von Ramechhap zurück.

Am nächsten Morgen heißt es deswegen auch schon wieder Abschied nehmen. Patrick und ich gehen vorerst zu Fuß weiter. Lieber Alex, danke für deine Begleitung. Es war wunderbar für ein paar Tage Gesellschaft zu haben. Am Permit-Checkpoint unterhalb von Namche nehmen wir jeweils ein Säckchen Müll mit. Das Projekt „carry me back“ möchte mit Hilfe der Touristen das Müllproblem im Tal verringern. Ein Kilogramm geschredderte Plastikflaschen und Bierdosen kann jeder, der möchte, bis nach Lukla bergab tragen. Wir sind uns nicht sicher, wie groß der Effekt dadurch wirklich ist, aber schaden kann es ja nicht. Der schon bekannte Weg führt uns über die Hillary-Bridge und durch Monjo zurück bis nach Phakding. Hier legen wir den letzten Zwischenstopp ein. Als es anfängt zu regnen, haben wir praktischerweise gerade die Bäkerei erreicht und können dort Mittagessen. Die Auswahl auf der Speisekarte ist groß. (Überraschenderweise war sie das auch weit oben in den Bergen noch. Die einfachen Gerichte haben auch meistens gut geschmeckt.)

Dann bricht schon der letzte Tag unserer Wanderung an. Nur ein kurzes Stück müssen wir noch laufen (wieder bergauf). Durch die Dörfer mit ihren (hier) grünen Feldern, über Hängebrücken und an zahlreichen Manisteinen vorbei geht es entspannt bis nach Lukla. Als wir dort ankommen ziehen immer mehr Wolken auf. Nur ein einziges Flugzeug sehen wir noch starten (die Helicopter können anscheinend auch bei schlechter Sicht noch fliegen). Eine ganze Gruppe von Menschen kommt vom Flughafen zurück und muss es morgen nochmal versuchen. Den ganzen restlichen Nachmittag und Abend beobachten wir das immer schlechter werdende Wetter. Hoffentlich wird unser Flug morgen nicht gecancelt. Aktuell sind wir noch halbwegs entspannt, aber um mehr als zwei Tage darf er sich nicht verschieben (was schon mal vorkommen kann). Bis dahin müssen wir wieder in Kathmandu sein.

Am Morgen ist es immer noch recht trüb. Aber die Flugzeuge starten. Wir sind früh dran und werden noch nicht eingecheckt. Dann gibt es doch Verzögerungen. Eine gefühlte Ewigkeit sitzen wir in der Wartehalle und schauen den Hundewelpen vor dem Eingangstor zu. Ich habe eine verspannte Schulter und eiskalte Füße. Es gab schon schönere Momente. Auf einmal kommt Bewegung in die Truppe gelangweilter Flughafenmitarbeiter. Offenbar sind wieder Flugzeuge in der Luft. Wir dürfen in den nächsten Raum und warten noch länger. Dann geht es endlich los. Ich habe den gleichen Platz wie beim letzten Mal, aber jetzt ist der Vorhang zum Cockpit offen. Draußen kann ich nicht viel erkennen, aber ich sehe wie die Piloten Knöpfe und Schalter bedienen. Wir haben kurzfristig unseren Flug umbuchen können, auf einen der wenigen, die direkt nach Kathmandu fliegen. Das heißt wir müssen nicht mit dem Auto fahren, dafür ist der Flug länger. Und er ist viel unruhiger als der letzte, schlecht für meinen Magen. Am Ende erreichen wir den Hauptstadtflughafen mit zwei Stunden Verspätung – akzeptabel. Wir bringen unsere geliehene Ausrüstung zurück. Am Abend treffen wir uns auf einen Cocktail mit Sophie aus München, die zeitgleich einen anderen Trek gemacht hat.

Die nächsten zwei Tag verbringe ich mit Fieber und Kopfschmerzen im Bett. Ich bin besorgt, aber es scheint doch „nur“ eine Erkältung zu sein. Wahrscheinlich kein Wunder, nachdem ich zwei Wochen lang ständig kalte Füße hatte. Am letzten Tag in Nepal schaffen wir es doch noch den Durbar Square zu besuchen. Das Tempelviertel sieht so aus, wie man sich (fälschlicherweise) ganz Kathmandu vorstellt. Es ist sicher einer der hübschesten Orte in der Stadt. Wir besuchen das Gebäude Kumari Ghar, in dem ein Mädchen lebt, das als lebende Göttin verehrt wird (sie wird als Kleinkind in einem Auswahlprozess bestimmt und verliert ihren Status mit Erreichen der Pubertät an eine Nachfolgerin). Die Kumari bekommen wir nicht zu Gesicht, aber die Holzschnitzereien des Gebäudes können wir bewundern. Dann besuchen wir noch das Gebäude Gaddi Baithak, in dem sich auch ein kleines Museum zur Geschichte Nepals befindet (ich lerne, dass die Monarchie erst 2008 abgeschafft wurde). Die vielen anderen Tempel schauen wir nur kurz im Vorbeigehen an. Es gibt mindestens so viele Tauben wie am Markusplatz. Mittags laufen wir noch durch eine wenig sehenswerte Mall in der Nähe. Dann fängt es an zu regnen und die gehsteiglosen Straßen verwandeln sich in riesige Schlammpfützen. Durch schmale Gassen geht es zurück ins sauberere Thamel.

Morgen werden wir Nepal wieder verlassen – ein Land, das ich gar nicht besuchen wollte, mit Landschaften, die mich nie gereizt haben. Eine Wanderung ist geschafft, von der ich nie dachte, dass ich sie machen würde. Aber es hat mir wirklich gefallen. Die riesigen Berge haben mich wirklich beeindruckt. Und ich bin stolz auf meine Leistung. Fairerweise muss ich sagen, dass der Everest Basecamp Trek technisch nicht sehr anspruchsvoll ist. Wer grundsätzlich fit ist und langsam genug aufsteigt, hat gute Chancen diesen ikonischen Ort, trotz der Höhe, zu erreichen. Ich bin aber auch froh, dass es jetzt vorbei ist. Nach so vielen Tagen laufen braucht der Körper eine Pause. Speziell die andauernde Kälte fand ich zermürbend. Weiter geht es jetzt in ein Land das genauso günstig, aber um einiges heißer ist: Indien.

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