06.10.2024-12.10.2024
Wir haben lange überlegt, wo wir unsere Flitterwochen verbringen möchten und dann sehr spontan entschieden, dass es nochmal nach Japan gehen soll. Nochmal, weil wir letzten Herbst schon dort waren (davon gibt es keinen Blogeintrag – sorry). Nach einem 13 Stunden Flug landen wir in Osaka. Patrick ist noch ziemlich erkältet und dementsprechend mitgenommen von der langen Zeit im kalten Flugzeug. Ich habe schmerzende Augen vom vielen Bildschirmgestarre (schlafen ging nicht, ich war überhaupt nicht müde, die Landung war um Mitternacht deutscher Zeit). Da wir bei der letzten Reise die bekannten, zentralgelegenen Städte auf Honshu schon gesehen haben, möchten wir jetzt eine der anderen Inseln besuchen. Es geht nach Kyushu im Südwesten.
Mit dem Shinkansen fahren wir also direkt weiter nach Fukuoka. Auf dieser Strecke macht der Schnellzug seinem Ruf wirklich alle Ehre – 600km in 2,5 Stunden. Im strömenden Regen laufen wir zum Hotel. Zum einchecken ist es noch zu früh, deshalb warten wir völlig übermüdet im Aufenthaltsraum. Selbst, wenn wir fit gewesen wären, hätte Sightseeing bei dem Regen keinen Sinn gemacht. Am Abend ist es etwas trockener und wir machen uns auf den Weg zur bekanntesten Shopping-Mall der Stadt, Canal City. Auf dem Weg dahin sehen wir uns einen kleinen Schrein an. In der Dämmerung sieht er besonders schön aus. Der Schrein ist bekannt für ein Festival bei dem große Skulpturen durch die Stadt getragen werden. Diese Skulpturen sind hier ausgestellt. In der Mall gehen wir Ramen essen. Die Ichiran-Kette bietet die beliebte Tonkotsu Variante an, die ihren Ursprung in Fukuoka hat. Bei Ichiran sitzten die Kunden in kleinen Abteilen, sodass sie weder mit Sitznachbarn noch dem Personal interagieren müssen. Die Suppe steht im Mittelpunkt und man geht nach dem Essen gleich wieder. Das ist heute genau das richtige für uns. Wir schlendern noch ein bisschen durch die ungwöhnliche Mall (die Läden sind alle auf einer Seite und zum namensgebenden Kanal hin orientiert, aber es gibt kein Dach). Die Anlage ist hübsch beleuchtet, aber im Kanal ist fast kein Wasser und der beliebte Brunnen ausgeschaltet.





Immer noch angeschlagen, aber zumindest wach erkunden wir am nächsten Tag die Stadt. Zuerst fahren wir an den Stadtrand zum Nanzoin Tempel. Er liegt an einem tropisch bewachsenen Hang. Bei dem Nieselregen sehen die moosbewachsenen Laternen und Statuen besonders hübsch aus. Es gibt viele winzige Teiche mit Kois und Schildkröten. Die Hauptattraktion ist der gigantische liegende Buddha, den die Mönche hier gebaut haben. Leider ist er gerade teilweise eingerüstet. Die Dimensionen sind trotzdem beeindruckend. Anschließend geht es zum Ohori Park, wo Patrick mich überredet ihn in einem Schwanentretboot über den See zu fahren. Danach gehen wir zu Fuß am Ufer entlang und über die mit Brücken verbundenen Inseln. Von hier aus ist es nicht mehr weit bis zum Strand (wohl künstlich aufgeschüttet), den wir bei diesem Wetter für uns alleine haben. Noch besser sieht man ihn von oben, von der Aussichtsplattform des Fukuoka Tower. Die Stadt ist für eines besonders bekannt: Yatai, kleine Stände, die Streetfood verkaufen. Was in Südostasien gang und gäbe ist, ist in Japan eine Seltenheit – außer eben in Fukuoka. Wir bestellen Yakitori (gegrillte Fleischspieße), Gyoza (gefüllte Teigtaschen) und Oden (Suppe, bei der man die Einlage stückweise auswählt). Später am Abend laufen wir noch am Ufer des Naka Flusses entlang. Hier stehen die bekanntesten Yatai. Es ist voll und die Atmosphäre sehr touristisch, wir sind froh zuvor einen anderen Stand gewählt zu haben.










Wir fahren nach Beppu, in einem Regionalzug, der so stark schaukelt, dass mir schlecht wird. Dort stellen wir unser Gepäck ab und steigen direkt in den nächsten Zug, für einen Halbtagesausflug nach Yufuin. Kaum angekommen merken wir, dass dieses Städtchen zu 100% dem Tourismus unterworfen wurde. Über dem Ort thront der Berg Yufu-dake mit seinem markanten Doppelgipfel. Die Hauptstraße ist ausschließlich von Souvenirläden gesäumt. Wir lassen uns treiben. Fast am Ende der Straße befindet sich das Yufuin Floral Village. Hier wurden kleine Hütten, in rustikaler Optik, zu einer Miniaturwelt zusammengestellt, wie sie in einem Anime vorkommen könnte. Was auf Fotos hübsch aussieht, ist in Wahrheit ein großer Merchandise Laden. In jeder der Hütten liegen bergeweise Plüschtiere und zwischen den Häuschen werden echte Tiere unter zweifelhaften Bedingungen gehalten. Durch die kleinen Gassen quetschen sich die Touristen und ihre Kameras. Wir gehen weiter zu einem kleinen See am Ortsrand. Hier ist es ruhiger, besonders bei dem kleinen Schrein am gegenüberliegenden Ufer. Auf dem Rückweg gibt es noch einen kurzen Schreckmoment: Vor dem Bahnhof stehen hunderte Menschen Schlange (klar, irgendwie müssen die ganzen Touristen ja wieder nach Hause). Wir stellen uns auf eine unentspannte Fahrt ein. Am Bahnsteig merken wir, dass alle ganz woanders hinfahren als wir. Der Zug ist schön leer.



Beppu an sich ist nicht besonders hübsch. Hierher kommt man wegen der Onsen (Thermalwasserbäder). Da unser Hotel über ein eigenes Onsen verfügt, verzichten wir auf den Besuch in einem öffentlichen Bad. Stattdessen sehen wir uns die zweitbekannteste Attraktion an, die auch mit Thermalwasser zu tun hat. Es gibt eine Reihe von Quellen, die Jigoku genannt werden. Das bedeutet wohl so etwas wie „Hölle“. Der Name ist nicht ganz abwegig, denn die teils farbigen Wasserquellen haben Temperaturen zwischen 75 und 99 Grad. Sie befinden sich im Norden der Stadt, recht weit oben am Berg. Die erste Hölle, die wir anschauen, ist keine Quelle im eigentlichen Sinn, sondern eine Ansammlung von heißen Schlammlöchern. Die bei den Touristen Beliebteste ist Umi Jigoku, die in fotogenem Blau erstrahlt und von einem hübschen Park umgeben ist. Die optisch weniger ansprechenden Quellen locken Besucher mit exotischen Tieren oder im Wasserloch gegarten Eiern. Noch etwas weiter oben am Berg befindet sich eine Quelle mit roten Eisenoxid Ablagerungen und daneben ein kleiner Geysir. Die Besichtigungen haben länger gedauert, als gedacht und es ist sehr heiß heute, wir sind erschöpft. Vielleicht ist Patrick deswegen der Meinung, die letzten beiden Jigoku hätten sich nicht gelohnt. Am Abend fahren wir noch auf den Global Tower, dessen Aussichtsplattform wir ganz für uns alleine haben.








Unser nächstes Ziel ist Nagasaki. Ganz im Westen auf einer Halbinsel gelegen, ist die Stadt verkehrstechnisch nicht so gut angebunden. Wir müssen unterwegs drei- oder viermal umsteigen. Den verbleibenden Nachmittag verbringen wir im Norden der Stadt. Hier wurden 1945 die zweite Atombombe abgeworfen. Im dortigen Museum erhält man einen Eindruck von der unglaublichen Zerstörung und dem Leid der Menschen, das die Bombe verursacht hat. Nachdenklich gehen wir am Hypocenter Monument vorbei und durch den Friedenspark. Abends wollen wir eigentlich in Chinatown essen gehen, doch um 21 Uhr sind dort bereits sämtliche Läden und Restaurants geschlossen. Aber da es Freitag ist, sind zumindest viele Bars offen und gut besucht. Bei einem Glas Sake beobachten wir eine Gruppe japanischer Arbeitskollegen, die offensichtlich viel Spaß haben.





Früh am nächsten morgen gehen wir zum Fähranleger. Wir haben eine Tour zur Insel Hashima gebucht. Sie ist auch als „Battleship Island“ oder Gunkanjima bekannt. Wir hatten erwartet, dass die Führung nur japanisch sein würde und wir nur Fotos machen können, aber nichts verstehen würden. Umso größer die Freude, dass es doch einen englischen Guide gibt. Sogar in doppelter Hinsicht gut, denn während nur ungefähr ein Dutzend ausländische Besucher da sind, besteht die japanische Gruppe aus gefühlt 50 Leuten. Hashima gehörte der Firma Mitsubishi und war bis in die 70er Jahre eine Kohlemiene. Ein Schacht führte mehrere hundert Meter nach unten, wo sich unter dem Meeresgrund eine riesige Abbaufläche befand. Die eigentlich kleine, felsige Insel wurde wiederholt künstlich erweitert, um Platz für die Arbeiter und ihre Familien zu schaffen. Am Ende war sie dreimal so groß wie ursprünglich. Hier entstanden die ersten Stahlbeton-Hochäuser in Japan. Jetzt ist alles verrostet und die Häuser beginnen einzustürzen. Die meterhohe Befestigungsmauer (gegen die hohen Wellen bei Taifunen) trägt maßgeblich zum Erscheinungsbild „Battleship“ bei. Nachmittags sehen wir uns Dejima an. Im 17. Jahrhundert wurde sie als künstliche Insel aufgeschüttet. Dies war der einzige Ort, an dem ausländische Händler, im ansonsten abgeriegelten Japan, gedultet wurden. Heute ist Dejima von der modernen Stadt umgeben und dient als Museum. Alte Wohnhäuser und Lagerräume wurden restauriert bzw. nachgebaut. Die Beschriftungen sind zu ausführlich, um sie alle lesen zu können. Wir laufen weiter nach Glover Garden. In diesem Open-Air-Museum stehen die Häuser einiger europäischer Handelsleute aus dem 19. Jahrhundert. Sie vereinen japanische und deutlich westliche Architektur und wurden teils extra an diesem Ort wieder aufgebaut. Der Park am Hang ist ein bisschen kitschig (aus Lautsprechern tönt altmodische Musik und man kann Kostüme ausleihen), aber trotzdem ein schönes Ausflugsziel. Der Blick über die Bucht von Nagasaki ist traumhaft. Wir laufen hinter dem Park sogar noch ein bisschen höher hinauf und genießen von hieraus den Sonnenuntergang.









