Woche 29: Everest Basecamp

19.04.23-24.04.23

Der weitere Weg führt uns seitlich an dem Hügel vorbei, auf dem das Hotel Everest View liegt. Zunächst ist es angenehm flach und man kann in Ruhe die Aussicht genießen. Am späten Vormittag überqueren wir mal wieder den Fluss. Hier gibt es mehrere kleine Häuschen, in denen sich wassergetriebene Gebetesmühlen befinden, leider drehen sie sich nicht (irgendwie alle kaputt). Ab hier wird der Weg deutlich steiler. Heute stört es mich aber nicht besonders, ich habe einen guten Rhythmus gefunden, den ich lange durchhalten kann. Überholt werden wir trotzdem ständig. Nicht von den Reisegruppen, aber von den Trägern. Im ganzen Tal gibt es keine einzige Straße und dementsprechend auch keine Fahrzeuge. Alles was von A nach B soll, wird auf ein Maultier/Rind/Yak gepackt oder eigenständig zu Fuß den Berg hinauf getragen. Neben dem Gepäck der Touristen auch Lebensmittel, Haushaltsgegenstände, Gasflaschen und meterlange Holzbretter. Es ist wirklich erstaunlich welches Gewicht die zierlichen Nepalesen tragen können und das alles über einen Stirnriemen und nicht selten in Badelatschen. Nachvollziehbar, dass die Preise für Essen und warmes Wasser mit jedem Höhenmeter ein bisschen ansteigen. Um die Mittagszeit erreichen wir das Kloster von Tengboche, das idyllisch gelegen das Tal überblickt. Direkt daneben befinden sich zwei Teehäuser, beide sind aber bereits ausgebucht. Wir wurden gewarnt, dass das passieren könnte. Der Weg führt weiter durch einen lichten Rhododendronwald (blüht leider noch nicht). Nach 15min erreichen wir Deboche. Hier werden wir nach ein bisschen fragen fündig. Am Nachmittag läuft Alex zurück, um sich das Kloster anzuschauen. Wir gehen währenddessen in die andere Richtung und erkunden den weiteren Weg für morgen.

Am nächsten Tag laufen wir nur die ersten Minuten noch durch Wälder. Dann ist der Blick frei. Wir können den Weg gut erkennen, der sich vor uns den Hang entlangschlängelt. Überragt wird er die ganze Zeit von Ama Dablam. Wir machen eine Pause in Shomare. Das Dorf markiert gleichzeitig die 4000m Grenze. Gerade saßen wir noch im T-Shirt in der Sonne, jetzt ziehen Wolken und ein leichter Wind auf. Sofort ist es eiskalt. Auch die Landschaft wird karger. Die Baumgrenze haben wir hinter uns gelassen. Eine Weile laufen wir noch am Fluss (mittlerweile ist es der Imja Khola) und seinen Geröllfeldern entlang, dann tauchen die beiden auffälligen Chörten oberhalb von Dingboche auf. Wir wärmen uns wie üblich bei einem Tee auf, bevor wir den heutigen Höhenausflug starten. Der Aussichtspunkt über dem Dorf ist schnell erreicht. Man kann in beide Richtungen das wolkenverhangene Tal entlang blicken. Dann beginnt es zu schneien. Da wir ja auf der Südhalbkugel dem Winter entkommen sind, hab ich wirklich lang keinen Schnee mehr gesehen. Ich gebe zu, dass die tanzenden Flocken mich ein bisschen verzaubern.

Tag sechs ist unser zweiter Akklimatisierungstag. Das heißt wir werden noch eine Nacht in Dingboche verbringen, aber heute einen Ausflug in das Tal des Imja Khola machen (ohne großen Rucksack – yuhuu). Der gestrige Schneefall hat die Luft gereinigt und die Berggipfel neu eingestäubt. Früh am Morgen ist die Sicht noch ungetrübt. Es dauert erstaunlich lange, bis wir die Ausläufer des Dorfs hinter uns gelassen haben. Nur wenige Leute sind unterwegs in dem flachen Tal. Wir suchen unseren Weg zwischen der niedrigen, stachligen Vegetation und bleiben immer wieder stehen um die fressenden Yaks zu beobachten. Ihre langen Hörner und das flauschige Bauchfell sind ganz schön beeindruckend. Wir laufen bis in das Örtchen Chukhung und kaufen dort ein frühes Mittagessen. Alex möchte das Tal noch weiter laufen, bis zu den See, der auf der Karte verzeichnet ist. Patrick und ich bleiben noch eine Weile in der (relativen) Wärme sitzen und treten dann den Rückweg an. Wir sind noch nicht lange unterwegs, als es wieder zu schneien beginnt (der Wetterumschwung war angekündigt). Die Yaks lassen sich davon nicht stören, aber sonst sehen wir niemanden mehr. Kurz bevor das Dorf in Sicht kommen müsste, wird die Schneedecke hoch genug, um den Weg zu verdecken. Es dauert etwas, bis wir von den diversen kleinen Pfaden, den wieder gefunden haben, der auf die Hauptstraße führt. Dort setzten wir uns in ein gemütliches Café, wo man gratis das Handy laden kann (sofern einem nicht die Steckdose streitig gemacht wird) und warten ein bisschen besorgt auf Alex. Er schafft es aber wohlbehalten zurück.

Mittlerweile ist es nachts so kalt, dass die Feuchtigkeit von innen an den Fensterscheiben festfriert. Es hat weiter geschneit. Alles ist mit einer dünnen Schneeschicht bedeckt. Die Sonne strahlt. Das Wetter könnte wirklich nicht märchenhafter sein. Wir laufen den Hügel hoch, der das Dorf flankiert und folgen dem Tal, das dahinter liegt. Schon bald werden wir ausgebremst. Der Weg ist hier viel schmaler, als er es die letzten Tage war und die vielen Wanderer stauen sich. Der Schnee macht alles ein bisschen rutschig und verlangsamt das Tempo zusätzlich. Dafür bleibt genug Zeit die Aussicht über das Tal zu genießen. Aus der Ferne ziehen langsam Wolken herauf. Begleitet werden wir die ganze Zeit über vom steten Brummen diverser Helikopter. In meinem ganzen Leben habe ich nicht so viele an einem Tag gesehen. Sie fliegen in beide Richtungen, mal hoch über uns, mal nur knapp über dem Talgrund. Viele Touristen scheinen lauffaul zu sein, denn Rettungshubschrauber sind wohl die wenigsten davon. In Dukla machen wir eine kurze Pause oberhalb eines Walls aus Geröll. Im Nachhinein wird mir bewusst, dass es die Ausläufer der Gletschermoräne sind. Dann geht es sehr steil bergauf. Jetzt wird der Sauerstoffmangel deutlich spürbar. Obwohl wir im Schneckentempo unterwegs sind, ist mir schwindelig. Wir sind stolz, als wir die Gebetsfahnen am oberen Ende des Hangs erreichen. Doch die Freude weicht Nachdenklichkeit als wir uns umsehen. Viele kleine Steindenkmäler stehen verteilt auf einem Felsplateau. Gewidmet sind sie den Bergsteigern, die am Everest und anderen Achttausendern zu Tode gekommen sind. Noch eine knappe Stunde laufen wir, bei jetzt moderater Steigung, weiter entlang der Seitenmoräne des Khumbugletschers. Dann erreichen wir Lobuche auf 4900m. Wir ruhen uns in unserem erstaunlich gemütlichen Zimmer aus. Trotz Sonnencreme hab ich mir das Gesicht verbrannt, was meine Höhen-Kopfschmerzen noch verstärkt. Auch die anderen beiden sind beim Abendessen etwas angeschlagen.

Über Nacht hat sich daran nicht viel geändert. Wir sind ein bisschen besorgt, was den weiteren Aufstieg angeht. Nach dem Frühstück fühle ich mich aber deutlich besser. Der Wandertag beginnt ähnlich wie er gestern geendet hat. Die Sonne strahlt, flache und steile Passagen wechseln sich ab. Der schmale Pfad ist schon bald mit vielen Menschen verstopft. Dann, nach einem anstrengenden Hangstück, sind wir hoch genug, um über den Steinwall auf den eigentlichen Gletscher zu sehen. Die Oberfläche ist fast völlig mit Geröll bedeckt. Das Eis ist nur an den Stellen zu sehen, die eingebrochen sind und sich mit Wasser gefüllt haben. Obwohl der Anblick nicht so ist, wie man sich einen Gletscher vorstellt, ist doch zumindest der Verlauf zischen den hohen Bergen gut erkennbar. Die Dimensionen machen mich mal wieder sprachlos. Wir laufen weiter, den Pumori immer prominet im Blick. An einer Stelle gabelt sich der Weg (er führt eine paar Meter später wieder zusammen). Wir nehmen die rechte Abzweigung, eigentlich nur, weil dort weniger langsame Leute sind. Dann sehen wir auf einmal, ganz unerwartet, in der Ferne die gelben Zelte des Basecamps. Das Ziel ist endlich in Reichweite. Ein paar Schritte weiter wird die Sicht aber auch schon wieder verdeckt. Gorak Shep (5100m) erreichen wir kurz darauf. Hier stehen die letzten Teehäuser vor dem Basecamp. Es wird unsere höchstgelegene Übernachtung sein.

Nach einem frühen Mittagessen brechen wir gleich wieder auf. Am Nachmittag sollen Wolken aufziehen, auch für morgen ist das Wetter deutlich schlechter angesagt. Wir müssen die Zeit also jetzt nutzen. Der Kala Patthar ist ein wenig fotogener Schutthügel (5644m), dessen Berühmtheit in der Aussicht von seinem Gipfel begründet liegt. Nuptse und Everest, umflossen vom Khumbugletscher, liegen genau gegenüber. Als wir nach 30min am ersten Aussichtspunkt ankommen, ist der Himmel bereits grau verhangen. Ein eisiger Wind weht. Dann reißen die Wolken auf einmal doch noch kurz auf und geben den Blick frei auf den höchsten Berg der Welt (8848m). Wir sind dankbar und stolz es so weit geschafft zu haben. Trotzdem kehren wir dann um, es lohnt sich nicht einen Berg zu besteigen, wenn man von oben nichts sieht.

Kaum unten angekommen, bessert sich das Wetter. Alex beschließt einen zweiten Versuch zu wagen, der Kala Patthar ist sein großes Ziel. Ich überrede Patrick stattdessen mit mir zum Basecamp zu laufen, wie es eigentlich für heute vorgesehen war. Widerwillig gibt er nach, er findet es zu spät. Ich gebe ein zügiges Tempo vor, denn die Angaben zur Zeitdauer schwanken und wir wollen vor Sonnenuntergang zurück sein (die langsamen indischen Reisegruppen sind allerdings auch gerade erst los gegangen). Der Weg führt genauso weiter, wie er schon heute Vormittag war. Ohne Gepäck kommen wir aber deutlich schneller voran. Die Zeltstadt kommt stetig näher. Auf den letzten Metern stecken wir hinter einer Gruppe Yaks fest, die quälend langsam über den Gletscher laufen. Nach insgesamt eineinhalb Stunden haben wir es geschafft. Wir haben den Felsen mit der auffälligen roten Aufschrift erreicht. Das Everest Basecamp. An diesem Ort startet die Reise zum höchsten Punkt der Erde. Ein verrücktes Gefühl als ganz normaler Mensch auch hier zu stehen. Acht Tage haben wir gebraucht, um von Lukla hierher zu wandern. Hinter dem Camp ist der berüchtigte Khumbu-Eisfall zu sehen. Gerne würde ich noch weiter laufen, die Atmosphäre zwischen den Zelten einfangen. Aber die Wolken sind zurück und wir haben ja noch den ganzen Rückweg vor uns. Also ziehen wir alle warmen Sachen an und stapfen durch die Kälte bergab. In der Unterkunft treffen wir Alex wieder, der sich kurz unterhalb des Gipfels dem starken Wind geschlagen geben musste. Das Abendessen ist ernüchternd. Wir sitzen an einem zu kleinen Tisch und müssen doch froh sein einen Platz zu haben. Es scheint mehr vermietete Betten zu geben, als Sitzplätze im Warmen. Viele Leute stehen mitten im Raum herum. Die Erschöpfung ist also nicht die einzige Motivation bald schlafen zu gehen.

Am grauen nächsten Morgen teilen wir uns schon wieder auf. Alex läuft doch noch zum Basecamp (und hat einen sehr langen Tag vor sich), während wir direkt absteigen. Wir können es gar nicht erwarten dieses Teehaus hinter uns zu lassen. Es gibt hier kein einziges Waschbecken, nur große wassergefüllte Tonnen, die über Nacht zu frieren. Der erste Wegabschnitt ist rutschig, der Rest aber gut zu gehen. Es ist kalt und regnerisch, wettertechnisch der unangenehmste Tag bisher. Wir machen nur wenige Pausen. In Dukla nehmen wir eine Abzweigung und laufen dieses Mal auf dem Talboden zurück, statt oben am Hang. In Pheriche mieten wir ein deutlich luxuriöseres Zimmer als das gestrige. Direkt vor dem Fenster kann man die startenden und landenden Helicopter beobachten. Am späten Nachmittag hat auch Alex seine lange Tour geschafft. Morgen werden wir alle gemeinsam weiter absteigen.

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