Woche 26: Der Süden Vietnams

26.03.23-03.04.23

Ein weiteres Mal fahren wir mit dem Bus über die Grenze. In Vietnam dauern die Formalitäten länger, obwohl alle bereits im Besitz eines E-Visums sind. In Ho-Chi-Minh-City (dem früheren Saigon) werden wir sehr zentral abgesetzt und können zu unserem Hostel laufen. Dabei bekommen wir direkt einen kleinen Kulturschock. Es herrscht das reinste Verkehrschaos. So schlimm habe ich es noch nirgens erlebt. Die Motorradfahrer kommen von allen Seiten (einschließlich Gehwegen und der falschen Straßenseite), Autos bremsen grundsätzlich nicht für Fußgänger und rote Ampeln sind mehr Empfehlung als Vorschrift. So bahnen wir uns mit einer Mischung aus Vorsicht und Verwunderung unseren Weg durch die Innenstadt. Wir sehen alte Kolonialgebäude und Wolkenkratzer gleichermaßen. Als wir die Promenade am Fluss erreichen, wird es gerade dunkel. So kommen die Lichtinstallationen gut zur Geltung. Entlang der Nguyen Hue Straße laufen wir zurück. Sie ist einer der wenigen verkehrsfreien Bereiche und zieht entsprechend viele Menschen an.

Patricks Abendessen war schlecht (es war doch nur Suppe?). Um ihm ein bisschen Erholungszeit zu geben, laufe ich alleine durch den Park zum Wiedervereinigungspalast und der Kirche Notre Dame (leider geschlossen). Direkt daneben befindet sich das hübsche alte Postamt. Es ist noch ganz normal in Betrieb, obwohl es sich mit den Souvenirläden und Touristenmassen nicht so anfühlt. Am War Remnants Museum treffe ich Patrick wieder. Im Außenbereich sind Flugzeuge, Panzer und Bomben der Amerikaner aus dem Vienam-Krieg ausgestellt (der Krieg heißt hier American War). Auch ehemalige Gefängniszellen und Foltergeräte sind zu sehen. Die Ausstellung im Gebäude besteht aus hunderten von Fotos von Kriegsjournalisten. Abgebildet ist alles vom anfänglichen Krieg gegen die Franzosen, über Guerilla-Angriffe und Verbrechen der Amerikaner bis zu den noch heute leidenden Agent Orange Opfern. Die verschiedenen Journalisten arbeiteten auf beiden Seiten dieses Krieges und die Fotos bezeugen diese furchtbare Zeit mit schonungsloser Offenheit. Wenn man sich Zeit und einen Audioguide nimmt, wird der Besuch hier zu einem tief bewegenden Erlebnis. Ich überfliege die verschiedenen Ausstellungsräume nur, aber für einen Eindruck der Schrecken reicht auch das. Mir war nicht bewusst, wie sehr dieser Krieg auch die politischen Geschehnisse in Kambodscha mit beeinflusst hat. Am Abend treffen wir Freunde von Patrick, die zufällig auch hier sind. Wir laufen durch die Bui Vien Street. Hier reiht sich eine Bar mit Tänzerinnen und Neonbeleuchtung an die andere. Die Musik ist ohrenbetäubend laut. Deswegen setzten wir uns in eine weiter entfernte Bar, wo die Lautstärke eine Unterhaltung zulässt.

Patrick ist immer noch nicht ganz wieder hergestellt, deswegen mache ich auch den Ausflug ins Mekong Delta am nächsten Tag alleine. Es ist eine klassische Busreise und entsprechend touristisch. Die Fahrt führt nach My Tho, wo wir auf eine der Mekong-Inseln übersetzen. Dort probieren wir Honigtee, exotische Früchte und Coconutcandy (klebt ziemlich an den Zähnen). Dann kommt der Höhepunkt, nämlich eine Fahrt mit dem Ruderboot durch die schmalen Kanäle eines Waldes aus Wasserkokosnusspalmen. Nach dem Mittagessen ist kurz Zeit die ungewöhnlichen Haustiere des Restaurantbesitzers anzuschauen. Dann geht es zurück ans Festland, wo wir noch kurz einen Tempel besuchen. Zurück in der Stadt verabschiedet sich unser Guide treffend mit: „Welcome back to Motorbike-City“.

Funfact: In Vietnam sind alle Bordsteinkanten abgeschrägt, damit man mit dem Motorrad hochfahren und auf dem Gehweg parken kann. Öffentliche Parks sind mit 20cm hohen Stahlzäunen umgeben, damit man eben nicht reinfahren kann.

Die nächste Station in Vietnam ist Da Lat. Wir fahren mit einem eigentlich sehr gut bewerteten Sleeper-Bus (obwohl es tagsüber ist). Weiterempfehlen würde ich den Bus aber nicht. Ich habe eines der schlechtesten Betten erwischt, oben in der mittleren Reihe. Überraschenderweise ist der Platz für die Beine lang genug, die Kopflehne dafür viel zu niedrig. Aufrecht sitzen kann man auch nicht und das Bett ist sehr schmal. Wir sind froh, als wir die kurvige Fahrt hinter uns haben. Da Lat liegt in den Bergen und kann deshalb mit angenehmen Klima punkten (die Einheimischen tragen teils Daunenjacken, obwohl es tagsüber immer noch sommerlich warm ist). Bei unserer Ankunft regnet es stark. Wir bleiben deswegen erstmal zuhause. Einziges Event heute ist das Barbecue mit anderen Hostelgästen auf der Dachterrasse.

Ich wache mit Übelkeit und Gliederschmerzen auf. Gerade ging es Patrick besser, jetzt hat es mich erwischt. Also darf dieses Mal er alleine losziehen. Er besucht die Markthalle, den Flower Garden (wohl nicht so spektakulär) und den Lam Vien Platz mit seiner verrückten Architektur.

Weitgehend wieder hergestellt besuchen wir am nächsten Tag gemeinsam die vielleicht bekannteste, auf jeden Fall ungewöhlichste Attraktion, der Stadt, das Crazy House. Das Hotel mit Café und Garten ist tatsächlich verrückt. Die einzelnen Gebäude haben komische Formen (keinerlei gerade Kanten), surreale Fasadendekorationen und sind über unzählige Treppen miteinander verbunden. Manche führen im Kreis, manche steil nach oben, viele sind schmal und gewunden. Die meisten sind optisch Ästen nachempfunden, stellenweise fühlt man sich wie in einem künstlichen Wald. Das ganze erinnert stark an die Kunstwerke Gaudis. Wer hier übernachtet, hat sicher regelmäßig Probleme das eigene Zimmer wieder zu finden. Nach einer Kaffeepause laufen wir zur rosa Kirche, die leider verschlossen ist. Dann gehen wir am See entlang zurück.

Nur eine kurze Taxifahrt von unserem Hostel entfernt befindet sich der Lumiere Light Garden, ein Illusionsmuseum. Hier her kommt man eigentlich nur, um verrückte Fotos zu machen. Und wo wir schon mal dabei sind, mieten wir für einen kleinen Betrag gleich noch lustige Kostüme mit dazu. Ganz ernst nehmen kann ich mich dabei selbst nicht, aber es hat Spaß gemacht. Wir gehen zu Fuß zurück in die Stadt und schauen auf dem Weg kurz den Thien vien Van Hanh Tempel an.

Eine weitere bekannte Attraktion (etwas außerhalb der Stadt) ist der Datanla Alpine Coaster (im Prinzip eine Sommerrodelbahn). Die kurvenreiche (und leider gerade sehr aussgelastete) Strecke endet am Datanla Wasserfall. Der ist ganz nett, aber auch nicht übermäßig beeindruckend. Liegt vielleicht daran, dass alles ziemlich verbaut ist. Zumindest stehen mehrere künstliche „Fotomotive“ herum. Außerdem kann man beim Bogenschießen eine Flasche Wein gewinnen. Nachdem uns die Bahn bequem wieder nach oben gezogen hat, laufen wir eine halbe Stunde zum benachbarten Hügel. Eine sehr breite, neue und kaum benutzte Straße führt dorthin. Es gibt sogar einen Gehsteig und der ist der beste, den ich bisher in Vietnam gesehen habe, es steht überhaupt nichts im Weg rum (wahrscheinlich genau deswegen, weil die Strecke so wenig benutzt wird). Dann erreichen wir das idyllisch gelegene Truc Lam Kloster. Besser als der Tempel selbst, gefällt uns die weitläufige Gartenanlage. Man sieht sogar einen Teil des Tuyen Lam Sees.

Am Abend schlendern wir über den Nachtmarkt. Märkte sind immer super, auch wenn hier fast alle Stände das gleiche verkaufen. Eine Attraktion fehlt noch. Wir können die Stadt nicht verlassen, ohne einmal in der Maze Bar gewesen zu sein. Von außen ist sie nur ein schmales, dreistöckiges Gebäude mit Balkonen. Im Inneren versteht man, wie sie ihren Namen erhalten hat. Das Design ähnelt dem des Crazy Houses, aber es ist noch hundert Mal verrückter. In die fünf Stockwerke (vom Keller bis zum Dach) wurden so viele Zwischenebenen eingezogen, dass das Gebäude viel größer wirkt. Von jeder beliebigen Stelle führen mehrere Treppen in verschiedene Richtungen weiter. Die Wände sind vollständig verkleidet und verziert. Die Beleuchtung ist spärlich. Angeblich werden täglich Durchgänge versperrt und andere geöffnet. Man hat sich in sekundenschnelle verlaufen. Die einzige Orientierung bietet die laute Musik, die nur im Eingangsbereich gespielt wird, aber überall zu hören ist.

Am letzten Tag in Da Lat entspannen wir zuhause. Heute regnet es eh wieder. Es ist Zeit weiter zu reisen, aber das kühle Klima werden wir vermissen.

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