Woche 34: Colva und Mumbai

23.05.23-31.05.23

Kurz bevor wir aus Agonda aufbrechen wollen, beißt mich am Strand ein Hund in die Wade. Das ist definitiv der Tiefpunkt der bisherigen Reise. Zumindest das mitgebrachte Verbandszeug kommt so noch zum Einsatz. In Colva haben wir ein richtiges Hotelzimmer gemietet. Es ist geräumig und Frühstück ist auch dabei. Direkt vor unserer Tür liegt, inmitten tropisch bepflanzter Beete, der Pool.

Am nächsten Vormittag gehe ich doch noch zum Arzt und lasse meine Tollwut-Impfung auffrischen. Sicher ist sicher. Auf dem Rückweg schauen wir am Strand vorbei. Ein Wassergraben mit Brücke trennt ihn vom Festland. Dort machen wir Halt, ich möchte nicht, dass der frische Verband sandig wird.

Die restlichen Tage in Colva verbringen wir ebenfalls auf dem Hotelgelände. Patrick plantscht im zu warmen Pool, ich schaue ihm aus dem Schatten zu. Schwimmen ist mit der Wunde keine Option. Die letzte Woche Badeurlaub hatte ich mir anders vorgestellt, aber ärgern ändert ja nichts an der Situation. Zweimal am Tag gehen wir an den Souvirständen vorbei zu einem der Restaurants. Patrick läuft voraus, ich humple hinterher. So gehen fünf Tage recht unspektakulär vorbei.

Nur ein paar Autominuten von Colva entfernt liegt Margao, die zweitgrößte Stadt Goas. Hier verbringen wir eine Nacht, nicht für Sightseeing, sondern wegen der Nähe zum Bahnhof. Das Hotel ist simpel und ganz sicher nicht für Touristen konzipiert. Am späten Abend fällt die Klimaanlage in unserem Zimmer aus, es wird eine ziemlich warme Nacht.

Früh am nächsten Morgen laufen wir mit unserem Gepäck zum Bahnhof. Dort warten wir mit vielen anderen Leuten in der Hitze. Der Zug hat fast eine Stunde Verspätung. Dann rennen wir hektisch an den Wägen entlang, die Beschriftung der Waggons ist schlecht zu erkennen. Kaum haben wir unser Abteil gefunden, sollen wir auch schon die Plätze mit anderen Fahrgästen tauschen. Kein schlechter Deal, so bekommen wir ein Upgrade auf ein Zweierabteil und haben unsere Ruhe. Ich schaue der vorbeiziehenden Landschaft zu – grün aber trotzdem irgendwie trocken. Was wir nicht wussten: Die Fahrkarte für die 1. Klasse beinhaltet auch Essen. Schon nach ein paar Minuten im Zug bekommen wir ein üppiges Frühstück serviert. Man kann im Vorfeld auch selbstständig Essen bestellen, das beim Halt um die Mittagszeit in den Zug geliefert wird. Dieses Angebot haben wir genutzt und können es jetzt nicht mehr stornieren. Also bekommen wir zweimal Mittagessen. Die gesamte restliche Fahrt versuche ich möglichst viel davon aufzuessen (bin gescheitert). Etwa eine halbe Stunde vor Ankunft kommen draußen die ersten Ausläufer der Stadt Mumbai in Sicht – und jede Menge Müll. Nachdem wir es geschafft haben die aufdringlichen Taxifahrer vor dem Bahnhof loszuwerden, fahren wir mit der Metro in Zentrum. Mittlerweile ist es dunkel und die Züge in diese Richtung sind glücklicherweise fast leer. An der Haltestelle Chatrapati Shivaji Maharaj Terminus (CSMT) steigen wir aus. Das Bahnhofgebäude ist berühmt für seine Architektur. Jetzt ist es bunt beleuchtet und sieht besonders beeindruckend aus. Dann kommen wir am Hotel an und dieser lange Reisetag geht endlich zu Ende.

Für den einzigen vollständigen Tag in Mumbai haben wir eine Stadtführung gebucht. Keine gewöhnliche, sondern eine durch den Dharavi Slum. Ich war im Vorfeld skeptisch, irgendwie fühlt es sich moralisch zweifelhaft an. Die Agentur hat mich dann aber doch überzeugt. Die Guides stammen alle selbst aus Dharavi und die Einnahmen werden überwiegend für Bildungsprojekt vor Ort eingesetzt. Unsere Führerin wartet am Bahnhof im Zentrum auf uns. Wir sind die einzigen beiden Gäste, alle anderen haben anscheinend wegen der Hitze abgesagt. Gemeinsam fahren wir mit der Metro nach Norden. Dharavi unterscheidet sich von anderen Slums durch seine hohe Produktivität. Wir laufen an zahlreichen kleinen Unternehmen vorbei, die sich alle auf eine eigene Branche spezialisiert haben: Kunststoffrecycling, Lederverarbeitung, Altpapier, Herstellung von Jeans oder Bürostühlen,… Die fertigen Produkte werden weit über die Grenzen des Slums hinaus verkauft, in der Regel ohne Angabe der Herkunft. Dann sehen wir den Gemüsemarkt, Brote die in der Sonne trocknen und die engen, dunklen Gassen zwischen den Wohnhäusern. Dharavi ist eine Stadt in der Stadt, es gibt kaum Gründe sie zu verlassen. Schulen, Ärzte usw. alles ist vorhanden. Zum Schluss sehen wir noch die Keramikproduktion, sie ist der älteste aller Geschäftsbereiche hier. Die Luft rund um die Brennöfen ist voll von beißendem Rauch, die Häuserfasaden sind schwarz verrußt. Das ist fast noch unangenehmer, als der Geruch des offenen Abwasserkanals (in Mumbai gibt es generell keine Kläranlagen, alles fließt ins Meer). Mit vielen Eindrücken und weniger Vorurteilen als zuvor fahren wir zurück. Eigene Fotos darf man bei den geführten Touren übrigens nicht machen.

Am Nachmittag laufen wir zum Marine Drive am Westufer der Halbinsel, auf der Mumbai liegt. Von der langen Promenade aus lässt sich gut die Skyline beobachten. Die Uhrzeit ist aber eigentlich die falsche. Abends soll es hier viel schöner sein. Die, dann beleuchteten, Häuser haben der Straße den Spitznamen „Queen´s Necklace“ gegeben. Auf dem Weg zurück zum Hotel fallen uns eine Reihe sehr alter, hübscher Gebäude auf (wahrscheinlich aus der Kolonialzeit), die verfallen und von Pflanzen überwuchert sind – traurig und romantisch zugleich. Am Abend gehen wir etwas teurer essen. Dann sehen wir uns noch das berühmte Taj Mahal Palace Hotel und das Gateway of India an. Bei Nacht wird es von einer Lightshow angestrahlt.

Der letzte Tag im Ausland ist unspektakulär. Wir bleiben solang wie möglich in unserem hübschen, kühlen Hotel. Dann möchte ich das Gateway of India noch bei Tageslicht sehen. Jetzt sind deutlich mehr Menschen unterwegs. Mit einer weiteren Metrofahrt machen wir uns auf den Weg Richtung Flughafen. Damit es morgen nicht stressig wird (der Verkehr in Mumbai ist legendär) haben wir dort in einem Hotel noch eine Übernachtung gebucht. Was uns wie eine schlaue Idee vorkam, ist am Ende aber eher nervig. Im sicherheitsfanatischen Indien darf man das Flughafengebäude nur mit gültiger Bordkarte betreten. Auch ein Druchgang zwischen Abflug- und Ankunftshalle ist nur so möglich. Damit wir zum Hotel im Ankunftsbereich können, werden erst Pässe und Buchungsbestätigungen geprüft. Dann werden wir von einem Hotelmitarbeiter eskortiert. Bei der Buchung wurden wir nicht vor diesem Prozedere gewarnt. Als wir vom Abendessen zurück kommen, das gleiche Spiel. Wir brauchen eine Art Passierschein (von der Rezeption), um wieder zum Hotel zu gelangen. Leider hat uns niemand darauf hingewiesen, bevor wir zur Tür raus sind.

Indien stand im Vorfeld nicht auf unserer Will-ich-sehen-Länder-Liste. Es war mehr ein Kompromiss aus Jahreszeit, Lage und Budget. Mit vielen Klischees im Kopf sind wir hingefahren. Die meisten haben sich auch bestätigt, aber oft in abgeschächter Form. Abgesehen davon, hat Goa ein paar wirklich hübsche Strände. In der kühleren Jahreszeit lässt es sich dort sicher gut aushalten. Auch die Altstadt von Panjim hat uns beiden gut gefallen. Mit dem Essen hatte ich so meine Schwierigkeiten, da tun sich Curry-/Chilli-Liebhaber wahrscheinlich leichter. Indien war eine Erfahrung, mein Lieblingsland wird es nicht. Dafür freue ich mich jetzt umso mehr, morgen wieder in Deutschland zu sein.

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